Warum klappt es (noch) nicht mit der Ökumene? Seit 100 Jahren arbeiten die Christen am Projekt Ökumene. Doch große Fortschritte hat es in letzter Zeit nicht gegeben. Warum ist das mit der Einheit so kompliziert? Was trennt die Konfessionen voneinander und was verbindet sie? Und was muss passieren, damit der eine christliche Glaube Wirklichkeit wird?
Erfolge
2010 ist für alle Ökumeniker ein „Highlight“, nicht nur wegen des 2. Ökumenischen Kirchentags in München. Vor 100 Jahren fand in Edinburgh die „Weltmissionskonferenz“ statt, zu der Vertreter vor allem anglikanischer und protestantischer Kirchen zusammengekommen waren, um über eine glaubwürdige Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi, vor allem in den „klassischen“ Missionsgebieten, zu beraten.
Damals wurde das Schiff der modernen Ökumene vom Stapel gelassen. Zwar haben sich die orthodoxen Kirchen erst später dem Anliegen der Ökumene geöffnet, und die römisch-katholische Kirche noch viel später, nämlich mit dem II. Vatikanischen Konzil. Doch die weltweite ökumenische Bewegung kann am Wechsel zum 21. Jahrhundert auf eine beachtliche Erfolgsgeschichte blicken: Ökumenische Gespräche gibt es heute auf allen Ebenen, von den jeweiligen Kirchenleitungen angefangen über die konkreten Gemeinden am Ort bis hin zu den zahlreichen theologischen Kommissionen, die inzwischen eine nicht mehr überschaubare Fülle an Konsens- und Konvergenzerklärungen und anderen Dokumenten zu fast allen Themen der Theologie und des gelebten Glaubens erarbeitet haben.
Ärger und Irritationen
Trotz dieser vor wenigen Jahrzehnten noch kaum vorstellbaren Annäherungen gibt es offenbar in jüngster Zeit zunehmend Irritationen und Verärgerungen zwischen den großen Kirchen. Die Christgläubigen an der Basis können kaum begreifen, warum es bei all dieser Nähe keine Fortschritte in Richtung einer Kommunions- und Abendmahlsgemeinschaft gibt. Die katholischen Bischöfe waren tief verärgert, dass die evangelische Kirche in wichtigen Fragen des Lebensschutzes (Stichwort: Stammzellenforschung) die gemeinsamen Linien verlassen und eine eigene, offenere Position bezogen hat. Die Protestanten wiederum nehmen es der katholischen Seite und vor allem Rom sehr übel, dass sie bis heute nicht als Kirchen im vollen Sinne anerkannt werden. Vielfach wird der deutsche Papst als der Hauptschuldige gesehen. Führende Vertreter der evangelischen Kirche in Deutschland haben deshalb bereits verlauten lassen, sie würden in absehbarer Zeit keine weiteren Annäherungen in wichtigen Fragen mehr erwarten.
Offene Fragen
Tatsächlich sind wir damit bereits im Zentrum der „ökumenischen Krise“, wenn es denn eine solche gibt, angelangt. Natürlich gibt es eine ganze Reihe wichtiger Fragen, die einer weiteren Vertiefung und Klärung bedürfen: das Verständnis des Abendmahles etwa (Wie ist die Gegenwart des Herrn in den Gestalten von Brot und Wein vorstellbar und heute aussagbar?) oder das Verständnis der Messfeier als ein „Opfer“.
Auch in der Frage der Rechtfertigung muss noch näher bedacht werden, welche Rolle vor allem der Kirche im Rechtfertigungsprozess des Menschen zukommt (Ist die Kirche, selbst als Sakrament verstanden, wesentlich mit darin einbezogen, oder kommt ihr nur eine Hilfsfunktion dabei zu?).
Am Ende aber erweist sich die Frage nach dem „Amt“ in der Kirche als Schlüssel für viele ökumenische Probleme: Es ist die Frage, welche Kriterien für die Gültigkeit des Amtes gegeben sein müssen, welche Strukturen vom Herrn unveränderlich vorgegeben sind bzw. welcher Spielraum in der Ausgestaltung der Ämter (bis hin zum Papstamt) besteht.
Daraus lassen sich dann je nach Antwort unterschiedliche Folgerungen für die Frage nach dem Verhältnis von allgemeinem und besonderem Priestertum ableiten, nach der Möglichkeit der Ordination von Frauen, nach der Möglichkeit der Abendmahlsgemeinschaft usw. Die katholische Seite müsste also endlich die protestantischen Gemeinschaften als Kirchen im vollen Sinne anerkennen. Sonst tritt man auf der Stelle, und die Ökumene gelangt womöglich wirklich ans Ende ihres Weges.
Auftrag für die Zukunft
Dieser Eindruck darf aber nicht entstehen. Denn der Grundkonsens aller christlichen Kirchen (Heilige Schrift, Taufe, Glaubensbekenntnis) wiegt in jedem Fallschwerer als alle noch bestehenden Differenzen. Ökumene ist zudem eine bleibende Verpflichtung (was auch die Päpste in ihren letzten Lehrschreiben immer wieder bekräftigt haben), weil der Herr selbst uns zur Einheit ruft (vgl. Johannes 17,21). Das Wie dieser Einheit müsste allerdings noch genauer bedacht werden, als dies bisher geschehen ist.
Es sind durchaus verschiedene Modelle vorstellbar (von der losen Kooperation bis zur völligen Verschmelzung). Für den Augenblick sollten wir in der „Leidenschaft für die Einheit des Leibes Christi“ (so in der Regel von Taizé) aber nicht nachlassen und jede „Gunst der Stunde“ nutzen, die der Herr uns schenkt. Eine solche vom Herrn geschenkte „Gunst der Stunde“ ist sicher auch der Ökumenische Kirchentag.
![]()