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„Der Glaube ist keine Privatsache“ Eigentlich wollten wir mit „Wort zum Sonntag“-Sprecherin Verena Maria Kitz über ihren Glauben sprechen. Darüber, wie er den Lebensstil beeinflusst und was Christsein heute bedeutet. Jetzt kommen auch wir an den Missbrauchsvorwürfen gegen die katholische Kirche nicht vorbei. Ein Gespräch mit einer Christin, die dennoch den Glauben und die kirchlichen Riten als lebensfördernde Kräfte verteidigt.

 

 

Die Missbrauchsvorwürfe gegen die katholische Kirche bestimmen seit Monaten die Schlagzeilen. Haben Sie überhaupt noch Lust, über das Thema Glauben zu sprechen?


Verena Maria Kitz : Ich finde es jetzt umso wichtiger, über den Glauben zu sprechen, gerade angesichts dieser Vorwürfe. Weil der Glaube der Halt ist und der Grund dafür, an diesem Schrecklichen nicht zu verzweifeln. Das sage ich jetzt als eine, die nicht persönlich betroffen ist, als ein Teil der Kirche. Gerade durch meinen Glauben kann ich hoffen, dass es auch für diejenigen, die unmittelbar betroffen sind, Grund zur Hoffnung gibt, zur Hoffnung auf Gerechtigkeit. Der Glaube ist für mich außerdem ein wesentlicher Ansporn, mich für hoffentlich positive Veränderungen, zum Beispiel im Bereich der Prävention, einzusetzen.


 

Können Sie es verstehen, dass in den vergangenen Monaten Tausende Katholiken in Deutschland der Kirche den Rücken gekehrt haben?


Ich kann es verstehen, dass Menschen schockiert und betroffen sind. Die Vorfälle treffen ja wirklich einen wesentlichen Kern. Sie untergraben das Vertrauen zu vielen Personen, die für die Kirche stehen. Dennoch gibt es viel mehr Personen, die auf eine glaubwürdige Art und Weise für die Kirche stehen. Zudem ist Missbrauch kein spezifisch kirchliches Problem. Aus der Kirche auszutreten, ist möglicherweise eine verständliche Kurzschlussreaktion. Aber es greift nicht wirklich an die Wurzel. Ich persönlich sehe, dass es auch die vielen anderen Seiten gibt, und versuche, als Teil der Kirche das weiterzugeben, was ich dort als kostbar und lebensfördernd für mich erlebt habe.


 

Gerade jetzt vertreten viele die Ansicht, der Glaube sei Privatsache und brauche keine institutionelle Verankerung. Glaube ja, Kirche nein – kann das funktionieren?


Ich glaube nicht, dass das funktionieren kann. Ich glaube auch nicht, dass Glaube Privatsache ist. Durch die Taufe bin ich – wie alle anderen auch – einerseits persönlich angesprochen und andererseits Teil einer Gemeinschaft, von der ich profitiere, unter der ich leide, für die ich mitverantwortlich bin. Glaube hat für mich eine individuelle Dimension, aber auch eine gemeinschaftliche, soziale. Und das möchte ich nicht auseinandernehmen. Die Zahl der engagierten Kirchgänger sinkt massiv. Trotzdem ist die Nachfrage nach den kirchlichen Sakramenten wie der Taufe immer noch groß.


 

Warum sind den Menschen diese Rituale so wichtig?


Ich habe den Eindruck, dass den Menschen die Rituale nicht nur als Rituale wichtig sind – um einen schönen Tag zu gestalten mit ein wenig frommer Garnierungdrumherum. Ich habe es so erlebt, dass die Rituale etwas Greifbares sind, auf das sich die Sehnsucht von ganz vielen Menschen richtet. Die Sehnsucht nach einem Halt, da, wo ich mich selber nicht mehr halten kann, oder nach Sinn, wo ich selber keinen Sinn mehr sehen kann. Bei vielen Beerdigungen ist mir das aufgefallen oder natürlich, wenn Menschen Kinder bekommen. Dann stellen sich ja die Fragen nach dem großen Ganzen ganz neu. Der Wunsch nach Ritualen ist da, aber nach Ritualen, in denen die Menschen versuchen, etwas von dem Ungreifbaren zu berühren und mitzubekommen. weiter...

 

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