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Viel mehr als reiner Broterwerb Der Wert der Arbeit und welche Bedeutung sie für unser Leben hat. Ein Interview mit dem Theologen und Soziologen Ansgar Kreutzer (37).

Ansgar Kreutzer

Arbeit hat in unserer Gesellschaft nicht nur die Funktion des reinen Broterwerbs, sondern ist gleichzeitig Statussymbol. Warum defi nieren wir uns heutzutage immer stärker über das, was wir tun?
Ansgar Kreutzer: Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen ist unsere Gesellschaftsordnung so aufgebaut, dass Arbeit darin einen entscheidenden Platz einnimmt. Erwerbsarbeit sichertüber Lohn den Unterhalt. Sie ist aber auch ein zentraler Mechanismus,über den soziale Anerkennung und damit Selbstwertgefühlt vermittelt wird. Daher ist sie mehr als reiner Broterwerb. Sie ist „Lebens-Mittel“ im materiellen und im ideellen Sinne. Dass Arbeit derart wichtig ist, hängt aber zum anderen auch mit geltenden Werten zusammen. In der Leistungsgesellschaft ist man erst wer, wenn man etwas vorweisen kann, etwas selbst geschafft hat. Die Arbeit ist daher auch so etwas wie ein Berechtigungsnachweis für die eigene Existenz. Damit ist sie freilich überbewertet.

Welch hohen Stellenwert die Arbeit für das moderne Selbstverständnis des Menschen hat, zeigt sich besonders da, wo sie fehlt. Arbeitslosigkeit stürzt viele Menschen in eine Identitätskrise. Wie lassen sich solch schwierige Phasen des Lebens trotzdem positiv gestalten?
Gerade, weil Arbeit so wichtig ist und über den reinen Broterwerb hinausgeht, ist Arbeitslosigkeit mehr als eine materielle Katastrophe. Sie verursacht, wie Krankheitsstatistiken zeigen, körperliche und psychische Belastungen. Die Situation wird zusätzlich durch das schlechte Image verschärft, das Arbeitslose in der Gesellschaft haben. Obwohl Arbeitslosigkeit ein strukturelles Problem ist, wird es häufi g dem/der Einzelnen als Versagen angelastet. Hilfreich für arbeitslose Menschen kann das Gespräch mit Leidensgenossen sein. Arbeitsloseninitiativen spielen hier eine wichtige Rolle. Denn damit wird der sozialen Isolation, die Arbeitslosen auch wegen ihrer Schamgefühle droht, entgegengewirkt, und sie können sich gegenseitig ihres Werts als Menschen versichern, gerade wenn sie ö. entlicher Diskriminierung ausgesetzt sind.

Das Wort „Krise“ bestimmt seit Langem die Schlagzeilen. Job-Angst geht um. Welche Auswirkungen hat das auf unsere Arbeitszufriedenheit?
Es ist nach wie vor die Meinung verbreitet, dass Menschen, die unter Druck stehen, leistungsfähiger sind. Häufi g ist aber das Gegenteil der Fall: Wer um seinen Job und seine Stellung bangen muss, ist stark verunsichert. Wem der Eindruck vermittelt wird, der Kollege ist primär  ein Konkurrent, der wird weniger kooperieren. Beides ist nicht nur psychologisch belastend, sondern auch leistungshemmend. Gerade in der Krise sind Arbeitsplatzsicherheit und Vertrauen für die Belegschaft  wichtige Faktoren, um Arbeitszufriedenheit und Leistungsfähigkeit zu stärken.

Wie muss Arbeit sein, damit wir im Job zufrieden sind?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Arbeit überbewertet wird. Die einen haben zu viel davon und kämpfen mit Burn-out-Symptomen, die anderen suchen händeringend nach einem Job. Unserer arbeitsfi xierten Gesellschaft täte es gut, der Arbeit weniger Wert für Zufriedenheit, Identitätsbildung und gutes Leben zuzuschreiben. Wichtig ist eine „Work-Life-Balance“, ein ausgewogenesVerhältnis zwischen der Arbeitswelt und anderen Lebensbereichen: Beziehung, Familie, Freundeskreis, Hobbies. Wenn es gelingt, das Leben auf verschiedene „Grundpfeiler zu bauen“,  wird es am ehesten als glücklich empfunden.

Einfacher Job oder Berufung? Woran merken wir, dass wir zu einer Tätigkeit berufen sind?
Berufung ist ja ein religiöser Begriff. Durch Martin Luthers Bibelübersetzung wurde die alltägliche Arbeit in Anlehnung an „Berufung“ als „Beruf“ bezeichnet und damit stark aufgewertet. Es ist richtig, dass Arbeit eine wichtige Quelle guten Lebens ist. So ist unsere Arbeitsgesellschaft organisiert. Es ist schön, wenn der Beruf, den man ausübt, als Selbstverwirklichung erlebt wird. Aber gerade weil Arbeitsverhältnisse heutzutage so brüchig geworden sind, weil Arbeit in vielen Fällen belastend ist, weil für die einen die Arbeit nicht enden  will und sie für die anderen unerreichbar ist, ist es auch gefährlich  einer profanen Institution eine solch hochgehängte religiöse Bedeutung zuzuschreiben.

Der Begriff „hartzen“ wurde zum „Jugendwort des Jahres 2009“ gekürt.  Viele junge Menschen bekomme „Hartz IV“ in Generationen vorgelebt. Wie erklären Sie der „Generation Krisenkind“ den Wert der Arbeit?
Ein Sprichwort fasst Wert und Grenze der Arbeit treffend zusammen:  Arbeit ist das halbe Leben. Sie ist ein zentraler Lebensinhalt, aber nicht das ganze Leben. Wir brauchen also auch eine „Entwertung“ der Arbeit in einer Gesellschaft,  in der alles an Arbeit hängt. Wenn jedoch die Gesellschaft Arbeit als derart zentral ansieht, dann muss politisch alles dafür getan werden,  dass Menschen, die dies wollen, am Erwerbsleben teilnehmen können,  dass jeder/jede von seiner/ihrer Arbeit Leben kann, und dass diejenigen,  die keine Arbeit finden, weder materiell noch ideell diskriminiert oder sogar schikaniert werden.

Interview: Katharina Hennecke

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