Traumjob Erzieherin?
In der Stuttgarter Kindertagesstätte läuft inzwischen das normale Vormittagsprogramm. Kinder toben lachend und schreiend durch die Gänge und spielen, basteln und bauen in den Räumen. Ein paar Jungen haben die Holzeisenbahn aufgebaut. Drei wissbegierige Knirpse üben sich an einem Tisch mit allerhand Gefäßen, Röhrchen und Schläuchen darin, Wasser mit Pipetten aus einer großen Schüssel in kleine Schälchen umzufüllen. Die Einrichtung arbeitet nach dem Konzept „Einstein in der Kita“, mit dem das Jugendamt Stuttgart seit 2003 neue Qualitätsstandards in der frühkindlichen Bildung setzen will.
Dabei stehen die individuellen Interessen der Kinder im Mittelpunkt. Die Mädchen und Jungen werden nicht mehr in Gruppen betreut, sondern können aus vielfältigen Angeboten frei wählen. Ein Konzept, an das sich sowohl das Kita-Team als auch die Eltern erstmal gewöhnen mussten. Und das Elke Andersen einige Diskussionen mit verunsicherten Eltern verschafft hat. „Die Arbeit ist heute viel transparenter“, erklärt sie. Während früher die Eltern ihre Kinder mittags fertig angezogen an der Kindergartentür in Empfang genommen haben, haben sie heute viel mehr Einblick in das, was in den Einrichtungen getan wird. Und sie fragen nach – auch deshalb, weil das Thema Bildung in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert bekommen hat. „Dadurch sind viele Eltern besorgt, ob das Kind schon in der Kita-Zeit eine gute Bildung bekommt“, meint die Leiterin0. Sie bezeichnet die Eltern aus ihrer eigenen Einrichtung als mehrheitlich sehr bildungsinteressiert – „unabhängig vom Bildungsstand“, wie sie betont.
Die Kita sei zwar oft der erste Anlaufpunkt neben der Familie, doch erlebe sie es kaum, dass Eltern wichtige Erziehungsaufgaben auf die Einrichtung abwälzten. Sie kenne allerdings auch Einrichtungen, „bei denen die Erziehungskompetenz nicht in dieser Form vorhanden ist“. Das Einstein-Konzept ist inzwischen bei den Familien hoch geschätzt. Es kämen sogar Eltern, berichtet Elke Andersen, die für ihre Kinder ausdrücklich eine Einstein-Kita suchten. Die Leiterin selbst ist begeistert vom Erfolg der Maßnahmen. Dennoch möchte sie die Umsetzung des Konzepts ständig prüfen und verbessern. Flexibel sein, Neues wagen, das gehört für sie dazu. Deshalb haben für Elke Andersen auch kritische Kommentare von Eltern eine wichtige Bedeutung. „Ich bin für jede Kritik froh und dankbar, weil sie uns zeigt, wo wir nochmal hingucken müssen“, meint Andersen.
„Ich möchte nie etwas machen, weil wir es schon immer gemacht haben, sondern ich will es machen, weil es im Moment das Richtige ist.“ Die Augen der dunkelhaarigen Frau leuchten. Elke Andersen ist zufrieden in ihrem Beruf. „Arbeit ist so wertvoll“, sagt sie. „Ich habe hier das Gefühl, gebraucht zu werden, für etwas gut zu sein.“ Zwar gebe es durchaus Tage, an denen sie genervt sei und keine Lust habe, sich mit fehlendem Personal und Zeitmanagement auseinanderzusetzen. Doch wenn sie die Probleme schließlich in den Griff gekriegt habe, wenn sie das Gefühl habe, etwas geschafft zu haben, meint sie, „daran messe ich den Grad meiner Zufriedenheit“. Erzieherinnen sind hoch motivierte Arbeitskräfte. Eine Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aus dem Jahr 2007 hat gezeigt, dass Erzieherinnen mehrheitlich zufrieden sind in ihrem Beruf. Sie schätzen das gute Miteinander mit den Kolleginnen und die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten. Neue Bildungsziele setzen sie gerne um und sind an Fort- und Weiterbildungen hochinteressiert. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch herbe Kritik. Der Personalschlüssel sei zu gering, die Gruppen
zu groß, die Zeit für Vorbereitung und Beobachtung bei Weitem nicht ausreichend. Vor allem stört die Erzieherinnen das geringe gesellschaftliche Ansehen, das ihr Beruf immer noch hat. Und das niedrige Einkommen. Daran hat sich seit 2007 trotz großer Anstrengungen der Gewerkschaften und wochenlanger Streiks im vergangenen Jahr nichts Wesentliches geändert. Dabei gehören die Erzieherinnen schon jetzt zu Deutschlands meistgesuchten Arbeitskräften. weiter...