Traumjob Erzieherin?
Den Beruf finanziell so unattraktiv auszustatten, das „kann sich die Gesellschaft bereits jetzt nicht mehr leisten“, sagt Helga Schneider, Professorin an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und Leiterin des Studiengangs Bildung und Erziehung im Kindesalter. Aufgrund des Personalmangels seien Träger inzwischen gezwungen, beinahe jede Bewerberin zu nehmen. Das mindere die Qualität, ist Helga Schneider überzeugt.
Eine Ursache für die mangelnde Anerkennung des Erzieher-Berufs sieht sie in seinem Ursprung als traditionellem Frauenberuf. Als er im späten 19. Jahrhundert entstanden ist, übten ihn Frauen aus einer sozialen Gesinnung heraus und oft ehrenamtlich aus. Friedrich Fröbel, der Begründer des deutschen Kindergartens, hatte sogar zunächst Mütter aus bürgerlichen Familien im Blick, die er für die Arbeit mit Kindern qualifizierte.
Diese Tradition präge bis heute die Außenwahrnehmung des Berufs, meint Schneider. Doch auch die Erzieherinnen selbst nimmt die Professorin in die Pflicht. „Es ist wichtig, dass die Erzieherin selbst sprachfähiger darüber wird, was sie tut. Das heißt, dass sie gewandter wird, auch wissenschaftlich fundiert zu erklären, zu beschreiben und Handlungsempfehlungen zu geben“, fordert Schneider.
Die Beschäftigten selbst müssten sich noch mehr bemühen, „tragfähige Argumente für den Wert der eigenen Arbeit zu liefern“. Nur so könne die öffentliche Meinung wirksam beeinflusst werden.
Katja Kuttler reagiert wütend, wenn es um die geringe Bezahlung ihrer Tätigkeit geht. Die 30-jährige Erzieherin in der Gruppe der Null- bis Dreijährigen in der „Eltern-Kind-Gruppe“, eines von Eltern getragenen Vereins in Stuttgart-Mitte, wird in Anlehnung an den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst bezahlt und kommt als Single mit ihrem Verdienst gerade so zurecht.
„Das macht mich ärgerlich“, schimpft die zarte Frau mit dem brünetten Pferdeschwanz. Gerade die sozialen Berufe hätten mehr Anerkennung verdient. Dabei hat Katja Kuttler in der „Eltern-Kind-Gruppe“ ihre Traumstelle gefunden. „Ich war noch nie so zufrieden wie hier“, sagt sie und schwärmt von dem harmonischen Miteinander mit Eltern und Kolleginnen und der familiären Atmosphäre. Dass sie ihr Leben lang ausschließlich als Erzieherin arbeiten wird, kann sie sich allerdings nicht vorstellen. Ihr Traum ist es, in einigen Jahren zwar weiterhin in ihrem Beruf tätig zu sein, den größeren Teil ihrer Arbeitszeit jedoch mit systemischer Familienberatung zu bestreiten. Die Qualifikation dafür hat sie schon in der Tasche. In Elke Andersens Kita in Stuttgart-Zuffenhausen ist Zeit für das Mittagessen.
Auf dem Gang hat sich die Leiterin einen Jungen mit einem nassen Ärmel geschnappt. „Ziehst du dem Kevin bitte einen frischen Pullover an?“, ruft sie der zuständigen Erzieherin zu. Um sie herum stürmen die Kinder in den Speiseraum an die gedeckten Tische. Elke Andersen schaut kurz zur Tür herein und wünscht guten Appetit. Dann ist sie schon wieder auf Achse. Die Kita-Managerin hat noch einen langen Tag vor sich.
Text: Christina Tangerding
Fotos: Gregor Gugala
Wenn der Beruf auch Berufung ist. Drei Menschen, drei Jobs.