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Lebenslust und Leidenschaft

Mit einem ungewöhnlichen Projekt vermittelt die Stuttgarterin Heidi Rehse benachteiligten Jugendlichen in aller Welt ein neues Selbstwertgefühl: Sie tanzt mit ihnen. Mit Hip-Hop, Bollywood-Choreografien und Tanztheater gibt sie Straßenkindern die Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken und Erfolge zu erleben - zum Beispiel im Don Bosco Zentrum Nilayam in Indien.


Was wir machen, ist keine verkappte Sozialarbeit, sondern echte, hochwertige Tanzkunst - darauf lege ich Wert." Heidi Rehse stellt den Cappuccino energisch zurück auf den schmalen Bistrotisch in ihrer Heimatstadt Stuttgart, im Haus der Kirche, wo sie für ein schnelles Gespräch Zeit hat. Schnell muss es bei der schmalen Blondine fast immer gehen. Heidi ist seit jeher viel unterwegs. Erst wenige Tage liegt der letzte Aufenthalt in Indien zurück, und schon nächste Woche muss sie in Brasilien „was regeln".

 

Wenn sie von ihrem Aufenthalt in Indien erzählt, schwingt Stolz in ihrer Stimme mit. Dort hat sie im Don Bosco Zentrum Nilayam in Kochin mit den jugendlichen Bewohnern gearbeitet - mit ehemaligen Straßenkindern und Jugendlichen aus zerrütteten Familien, die ohne Liebe aufwuchsen. Was Heidi Rehse mit den Jungs im Alter von acht bis 20 Jahren macht, mag auf den ersten Blick überraschen: Sie tanzt mit ihnen. Hip-Hop-Improvisationen, Tanztheater, Bollywood-Choreografien, Modern Dance und das, was unter konservativen Spöttern als Ausdruckstanz verschrien ist. Dabei ist Tanzen bei Heidi harte Arbeit, körperlich wie seelisch. „Viele der Jungs haben noch nie etwas selber gemacht, eine Sache von Anfang bis Ende neu erlernt und anderen Menschen dann gezeigt, was sie können. Tanzen ist Selbstbewusstseinstraining, Disziplin und Lampenfieber, man muss sich in die Gruppe integrieren und gleichzeitig zählt jeder Einzelne. Das funktioniert überall, egal ob in Brasilien, in Ghana, Stuttgart oder eben in Indien", sagt Heidi. „Der therapeutische Ansatz kommt quasi durch die Hintertür."

 

Erfahrene Gewalt in Tanzschritte umsetzen

 

Beispiele für die pädagogische Qualität kann die Tanzlehrerin nach über 15 Jahren Arbeit mit Jugendlichen aus Slums, Favelas und Ghettos zahlreiche nennen. In Kochin fällt ihr Suresh ein. 16 Jahre, schüchtern, gehemmt und unglücklich. In drei Wochen Training hat Suresh seine Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt. Reihe für Reihe arbeitete sich der Junge nach vorne, bis er ganz an der Spitze tanzen durfte. Suresh, der vorher am liebsten unsichtbar gewesen wäre, der über seine Vergangenheit nicht sprechen will und die Welt da draußen am liebsten ausblenden möchte. Heidi Rehse ist stolz auf ihn: „Wenn ich an die Abschlussaufführung im Bosco Nilayam denke, kriege ich noch jetzt eine Gänsehaut. Die haben den Saal so gerockt, soviel Leidenschaft und Liebe in die Aufführung gesteckt, das hat mich richtig umgehauen."

 

Deswegen arbeitet die Stuttgarterin am liebsten mit den bisher Chancenlosen, den Spätzündern. Die merken zum ersten Mal, was in ihnen steckt, und sie können ihre Erfahrungen beim Tanzen verarbeiten, ihre Verletzungen thematisieren. Gewalt hat jedes der Straßenkinder schon erlitten - durch Lehrer, Eltern, Polizisten oder wütende Ladenbesitzer zum Beispiel. Ihre Erfahrungen mit Prügel und Ohnmacht integrieren die Jungs aus dem Tanzprojekt mit kreativen Bewegungen und Schrittfolgen in die Choreografie. Und es wird nicht einfach nur vor sich hingetanzt - mindestens eine professionelle Aufführung steht am Ende jedes Einsatzes. „Die Jungs müssen raus aus ihrer bekannten Welt, müssen Leute aus der Mittelschicht treffen, etwas Anderes als das Ghetto kennenlernen."

 

Dass es beim Tanzen um mehr geht als nur um die nächste Aufführung, hat Heidi Rehse in Brasilien gemerkt. Als knapp 20-jährige Studentin der Sozialpädagogik kam sie nach Rio, schon damals als leidenschaftliche Tänzerin. Eine Freundin nahm sie mit in eine Favela, ein Elendsviertel. Dort bemerkte Heidi Rehse zum ersten Mal den Hunger der Kinder nach Liebe, Bewegung, Berührung, Anerkennung. Der Tanzunterricht nahm Fahrt auf, eine große Aufführung sollte die Mühen belohnen.

 

Die Jugendlichen sind dankbar für so viel Anerkennung und Aufmerksamkeit

 

Beim Einstudieren der Texte aus „Der kleine Prinz" wurde sichtbar, dass kaum eines der Kinder lesen konnte - trotz mehr oder weniger regelmäßigem Schulbesuch. „Dann müsst ihr es eben lernen, wenn ihr die Rolle wollt", war Heidis Argument. Und die Kids bissen sich tatsächlich durch den Text. Das war 1999 und der Startschuss für ihren Verein Salamaleque, portugiesisch für tiefe Verbeugung. „Ich mochte die Ähnlichkeit des Wortes mit ‚moleque‘, was so viel wie Bengel oder Lausbub bedeutet." Als es Heidi Rehse nach 15 Jahren wieder nach Deutschland zog, hatte sie in Brasilien genug Erfahrung gesammelt, um ähnliche Projekte auch in anderen Ecken der Welt zu organisieren. Mit Don Bosco geht die Tanzlehrerin eine langfristige Partnerschaft ein. Denn in den Don Bosco Projekten findet sie genau die Jugendlichen, die sie mit ihrer Arbeit erreichen möchte. Und diese wiederum sind dankbar für so viel Aufmerksamkeit und Abwechslung.


„Ich versuche, ganz unverkrampft auf die Jugendlichen zuzugehen und ihnen Freude an der Bewegung zu vermitteln. Gerade für die vielen Waisen sind körperliche Berührungen extrem wichtig. Dabei entspannen sie sich." Oft lösen sich diese Verspannungen geradezu sinnbildlich. Der kleine Thomson (9 Jahre) ist ein solches Beispiel. Seine Mutter arbeitet viele tausend Kilometer entfernt im Oman, und der Kleine litt furchtbar unter Heimweh und blieb ganz in seiner eigenen Trauerwelt. Nach einer Tanzsession öffnete Thomson sein Herz und sprach über seine Mutter und wie er sie vermisse. Seitdem geht eine schrittweise Veränderung mit dem Jungen einher.

 

Gänsehautmomente, die zum Weitermachen motivieren

 

Das rührendste Beispiel bekam Heidi von Salesianerpater Cyriac zu hören, der das Straßenkinderzentrum Bosco Sumanahalli in Bangalore leitet: Der 17-jährige Karan war aufgrund seiner autistischen Erkrankung immer ein Sonderling, ein Einzelgänger. Mit Feuereifer stürzte er sich in das Tanzen. Auch er durfte aufgrund seines Talentes in die begehrte erste Reihe aufrücken. Die ganze Gruppendynamik unter den Jungs geriet durch die Arbeit auf der Bühne in Bewegung. Karan wurde von den anderen plötzlich respektiert und geachtet. Auch Heidi war baff, als Pater Cyriac berichtete, Karan sei nun ein akzeptiertes Gruppenmitglied. Viel schöner noch: Er habe nun Pläne für sein Leben, fange an, über seine Zukunft ernsthaft nachzudenken. Momente wie diese, Gänsehautmomente, sind es, die zum Weitermachen motivieren. Trotz fehlender Gelder, chronischem Zeitmangel, Stress.

 

Heidi Rehse hat unterdessen ihre eigenen Pläne für die Zukunft. Die Salesianer in Ghana wollen 2015 zum 200sten Todestag von Johannes Bosco ein landesweites Tanzfestival organisieren. Außerdem will die Tanzlehrerin jetzt auch mit Don Bosco in Brasilien arbeiten. Und auch für die Jungs in Kochin wird es weitergehen. Eine kleine Kostprobe von Heidis Tanzprojekt wird es im Januar auf dem Don Bosco Forum in Bonn geben: Dort tritt sie mit ihrer Stuttgarter Jugendgruppe auf. Auch die Tanzlehrerin selbst wird mit auf der Bühne stehen. Aufgeregt wie immer. „Ich habe immer schreckliches Lampenfieber, egal ob ich im Staatstheater oder auf einer Hinterhofbühne tanze."

 

Text: Ulla Fricke; Fotos: Don Bosco Mission

 

 

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