Ein roter Faden
Als Jessicas Mutter sie fragt, ob sie nicht Lust hätte, in ein Mädchenheim zu ziehen, scheint für das kleine Mädchen die Welt noch in Ordnung. Sie könne dort jeden Tag ins Schwimmbad gehen und viele andere tolle Dinge erleben, so das Versprechen. Da ist Jessica gerade einmal sechs Jahre alt und kann natürlich nicht wissen, was sie alles erwartet und wie sie zurechtkommen wird.
Wir treffen Jessica im Garten einer betreuten Wohngemeinschaft in Tirol. Sie ist mittlerweile ein knapp 17-jähriger Teenager. Während sie ihre Geschichte erzählt, spielt sie mit einem roten Faden zwischen ihren Fingern, den sie nicht aus den Augen lässt. Trotz ihres gesenkten Blicks wirkt sie sehr präsent. „Die Freude über das neue Zuhause wich schnell", erzählt sie über die ersten Wochen in dem Mädchenheim. Sie wird aufgelöst in der Sehnsucht nach ihrer Mutter und ihren Geschwistern, die ebenfalls in unterschiedlichen Heimen untergebracht wurden. Es ist eine harte Erfahrung, aus ihrer Familie herausgerissen zu werden. Jessica tut sich schwer, ihre Emotionen von damals zu beschreiben, viele Erinnerungen sind mittlerweile verblasst. Sicher ist, dass sie im Laufe der Jahre beginnt, innerlich zu rebellieren und eine Art von Durchsetzungsfähigkeit zu entwickeln, die für sie und für andere zur Belastung werden wird.
"Ich versank in einem Sumpf aus Alkohol und Drogen"
Jessica ist zehn Jahre alt, als sie in eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft der Don Bosco Schwestern zieht. Diese Einrichtung bietet jungen Mädchen mit schwierigem sozialen oder familiären Hintergrund ein Zuhause. Die Prognosen für Jessica stehen schlecht. Sie ist zu diesem Zeitpunkt längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nach einer kurzen Phase relativer Stabilität verliert sich Jessica immer mehr in einer Welt, in der sie ihre eigenen Regeln aufstellt. Sie entwickelt eine große Aversion gegen Autoritäten und übt gegenüber ihren Mitbewohnerinnen selber große Dominanz aus. Nach vier Jahren ziehen die Verantwortlichen die Reißleine. Als sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Mitbewohnerinnen immer mehr zur Gefahr wird, muss sie die Wohngemeinschaft verlassen und zieht in eine andere Wohlfahrtseinrichtung.
Es kommt zum totalen Absturz. Nachdem sich Jessica in den vergangenen Jahren noch irgendwie durchzumogeln verstand, ist in der vierten Klasse Hauptschule Endstation. „Ich habe mich mit den falschen Leuten eingelassen und versank in einem Sumpf von Alkohol und Drogen. Das Schuljahr endete in einer Katastrophe. Im Zeugnis gab es nur Genügend und Nichtgenügend. Aber damals war es mir völlig egal, dass ich die Hauptschule nicht positiv abschließen konnte", erklärt sie.
Mit dem Fahrrad von Taizé nach Santiago de Compostela
Es scheint, als hätte sich Jessica selber völlig fallen gelassen - ganz im Gegensatz zur Jugendwohlfahrt, die das Mädchen nicht sich selbst überlassen will. Die Verantwortlichen wenden sich wieder an die Sozialpädagogen bei den Don Bosco Schwestern. Ein Team erarbeitet ein neues Konzept. Zunächst wird Jessica eine Pilgerreise machen. Begleitet von einer Betreuerin geht es mit dem Fahrrad auf den Jakobsweg, von Taizé in Frankreich bis Santiago de Compostela in Spanien. Jessica erzählt: „Ich hatte lange keinen Spaß daran. Ich habe immer gehofft, mein Fahrrad würde schlapp machen. Aber es passierte nicht." Doch im Laufe der eineinhalb Monate dauernden Reise erkennt Jessica immer mehr, was ihr eigentlicher Wunsch ist. Es ist der Traum von einem selbstbestimmten Leben, von Unabhängigkeit. Sie will eigenverantwortlich Entscheidungen treffen können und merkt: „Um meinen Traum zu erfüllen, muss ich eine richtige Berufsausbildung machen, damit ich mein eigenes Geld verdienen kann. Mir wurde klar, dass ich zuallererst die Hauptschule positiv abschließen muss."
Das darauffolgende Jahr verbringt Jessica auf einem Bauernhof - mit Puten, Hennen, Schweinen und einer Familie, die sich liebevoll um sie kümmert. In diesem Jahr wiederholt sie die vierte Klasse Hauptschule. Motiviert durch die Hoffnung, mit einem guten Zeugnis eine Lehrstelle als Konditorin zu finden, absolviert Jessica das Schuljahr mit Auszeichnung. Nur Einser und Zweier finden sich im Zeugnis. „Die Hoffnung auf die Lehrstelle hat sich leider noch nicht erfüllt. Ich war letztes Jahr mit meinen Bewerbungen viel zu spät dran. Deshalb besuche ich derzeit eine Haushaltsschule. Aber ich hoffe, dass es nächstes Jahr klappen wird", gibt sich Jessica vorsichtig optimistisch.
Text und Foto: Markus Höllbacher
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