Wir schaffen das!
Aber ist es nicht schwierig, die alten Freundschaften aufzugeben?
Kevin: Für mich war das eigentlich leicht gewesen. Wir haben früher in Hohenschönhausen gewohnt und sind dann hierher gezogen nach Hellersdorf. Durch den Umzug hab ich automatisch Abstand gekriegt zu den Freunden von früher.
Marvin: Also für mich war das überhaupt nicht leicht. Aber ich war an einem Punkt, wo ich sagen musste: Es sind zwar meine Freunde, aber die haben mir nicht gut getan. Deswegen habe ich einen Schlussstrich gezogen, obwohl es richtig schwer war. Wir haben einen Treffpunkt, wo wir uns alle treffen und chillen. Da bin ich einfach nicht mehr hingegangen. Dann wurde noch ein paar Mal angerufen, aber ich bin hart geblieben und habe erklärt, dass ich jetzt meinen Abschluss schaffen und meine Arbeit machen will. Die haben schon erst mal doof reagiert, sagen wir's mal so. Man wohnt ja hier ums Eck zusammen, da kann man sich gar nicht ganz aus dem Weg gehen. Und wenn man sich dann mal gesehen hat, wurde anfangs schon rumgemeckert. Jetzt ist es halt so: Man kennt sich noch, aber es ist nicht mehr so dicke, wie es früher mal war. Mit meinem jetzigen besten Freund war ich früher schon befreundet. Ich wohne ja schon seit Ewigkeiten in Hellersdorf. Aber erst seit ungefähr viereinhalb Jahren haben wir wieder richtig Kontakt. Der hat damals an der Hauptschule schon den Schulabschluss durchgezogen und macht jetzt seine Ausbildung als Rohrlegungsbauer. Er hat auch seinen Führerschein gemacht, und das ist für mich natürlich so ein Ding, wo ich sag: Hey, will ich auch. Mein bester Freund und seine Mutter - die sind für mich genauso ein Ansporn wie meine eigenen Eltern, weil die sagen auch immer: Du schaffst das.
Wie hat sich euer Leben verändert, seit ihr bei „Schule auf Rädern" seid?
Kevin: Auf jeden Fall ist einiges anders. Es ist so ein Leben, wie ich es von vorher eigentlich gar nicht kannte. Also früh morgens aufstehen und dann arbeiten. Das ist schon besser so, oder?
Marvin: Bin ganz deiner Meinung. Man hat endlich mal wieder einen geregelten Tagesablauf. Man steht nicht mehr erst um eins oder zwei auf, trifft sich dann mit seinen Leuten, geht vielleicht erst mal was trinken oder so. Man muss jetzt erst mal in die Manege kommen. Man muss pünktlich sein und mitarbeiten, sonst kann man seinen Schulabschluss verlieren. Morgens aufstehen, fertig machen, frühstücken, arbeiten, dann nach Hause, vielleicht mal erst noch ne Runde schlafen und dann erst mit Freunden treffen. Das war auf jeden Fall erst mal ne harte Umstellung, aber ich find's gut, jetzt so was Geregeltes zu haben.
Sind eure Eltern stolz darauf, dass ihr das jetzt macht?
Marvin: Ja, kann man sagen. Die finden das total gut. Mein Papa kann selber nicht richtig arbeiten, weil er gesundheitliche Probleme hat. Meine Mama hat mal als Krankenpflegerin gearbeitet und macht jetzt einen Auffrischungskurs, dass sie da wieder arbeiten kann.
Kevin: Meine Eltern sind total stolz drauf, dass ich überhaupt mal was mache - mit der Schule vor allen Dingen, da freuen die sich besonders drüber, dass ich den Abschluss endlich mache. Ich hab noch einen Bruder und einen Stiefbruder. Mein Stiefbruder macht nix - so wie ich früher. Mein richtiger Bruder hat auch seinen Schulabschluss nachgeholt und fängt jetzt eine Ausbildung an.
Wie stellt ihr euch euer Leben in zehn Jahren vor ?
Kevin: Also ich will später mal Berufskraftfahrer werden oder Lagerist. In zehn Jahren will ich arbeiten, das auf jeden Fall.
Marvin: Was ich genau werden will, weiß ich noch nicht. Vielleicht Gerüstbauer oder Straßenbau oder irgendwas in die Richtung. Ich brauche irgendwas, wo ich mich körperlich betätigen kann, weil ich nicht so der Typ bin, der den ganzen Tag im Büro sitzen kann. Also in zehn Jahren hab ich eine Arbeit, eine eigene Wohnung - ein eigenständiges Leben. Da will ich sagen können: Ich hab's geschafft.
Wie schätzt ihr eure Chancen ein, tatsächlich einen Job zu finden?
Kevin: (zögert) Gut, würde ich sagen.
Marvin: Ja. Weil hier ist ja immer jemand, wenn du Hilfe brauchst.
Habt ihr das Gefühl, dass ihr von vornherein schlechtere Chancen im Leben habt, weil ihr aus einem Viertel wie Marzahn -Hellersdorf kommt?
Marvin: Nö, kann man so nicht sagen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Man kann hier genau das Gleiche erreichen wie zum Beispiel in Wannsee. Es liegt an einem selbst, was man daraus macht.
Interview und Texte: Claudia Klinger, Fotos: Noel Fäskorn
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