Starke Eltern – starke Kinder
Das Kursprogramm „kess erziehen" soll Eltern helfen, die richtige Balance bei der Erziehung zu finden und mit Konflikten im Familienalltag gelassener umzugehen.
Luise hat zwar erst vor wenigen Monaten gelernt, ohne Hilfe zu laufen. Auch ist sie auf ihren kurzen Beinchen noch etwas tapsig unterwegs. Aber das hindert sie nicht daran, die Küche ihrer Eltern näher unter die Lupe zu nehmen. Was wird sich wohl hinter der Schranktür befinden, die sie mit ausgestreckten Armen gerade so erreichen kann? Es dauert nicht lange und schon liegen Papierrollen, Gewürzdöschen und eine geöffnete Packung Salz vor ihr auf dem Boden. Luise grinst zufrieden, ihre Mutter schüttelt genervt den Kopf.
„Was für Erwachsene lästig ist, ist für das Kind einfach nur großartig", erklärt Bärbel Hofherr den Teilnehmern des kess-Elternkurses „Von Anfang an" im Kindergarten Karolusheim in Laudenbach bei Miltenberg. Einige Eltern nicken zustimmend. Ähnliche Situationen haben auch sie mit ihrem Nachwuchs schon oft erlebt. Kaum ist das Säuglingsalter vorbei, beginnt für das Kind eine besonders ereignisreiche Zeit: als Entdecker und Abenteurer. „Die Kinder wollen die Welt verstehen und begreifen", erklärt die Erzieherin und Religionspädagogin den fünf jungen Ehepaaren, die mit ihr im Kreis sitzen. Es ist der vierte von fünf Kursabenden und diesmal geht es um Verwöhnen - im positiven wie im negativen Sinn. In der Mitte hat Bärbel Hofherr ein Bodenbild aufgebaut. Auf zwei Tafeln stehen die Worte „Verwöhngenuss" und „Verwöhnfallen".
Grundlegend ist ein liebevoller Umgang miteinander
Konzipiert wurde der Elternkurs „Von Anfang an" erst im vergangenen Jahr von der Bonner Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF) speziell für Kinder in der „Autonomiephase", dem „Trotzalter". Er ist aber nur einer von mehreren Kursen aus der Reihe „kess erziehen". Den Grundkurs gibt es seit 2003, mehr als 45.000 Mütter und Väter haben bisher daran teilgenommen. Die Bezeichnung „kess erziehen" ist von den Leitworten kooperativ, ermutigend, sozial und situationsorientiert abgeleitet. Das Erziehungskonzept für Kinder von zwei bis zehn Jahren basiert auf einem christlichen Menschenbild. „Achtsamkeit und Wertschätzung des anderen und ein liebevoller Umgang miteinander sind grundlegend", betont Hofherr, die seit acht Jahren speziell für kess-Kurse ausgebildet ist und in ihren Kursen auch religiöse Fragen der Kinder in den Blick nimmt.
„Kess erziehen" greift außerdem auf die Individualpsychologie des Wiener Arztes Alfred Adler aus den 1920er-Jahren zurück. Er betrachtete den Menschen als ganzheitliches Individuum, das sich nur im Bezug auf die Gemeinschaft entfalten kann. Der kess-Kurs soll Mütter und Väter ermutigen, sowohl ihre Stärken als auch die der Kinder in den Blick zu nehmen und den Kindern selbstverantwortetes Handeln zuzutrauen.
Die Welt mit den Augen des Kindes sehen
„Wir müssen den Kindern die Chance geben, etwas selber zu schaffen und ihre Probleme eigenständig zu lösen", erklärt Bärbel Hofherr. „So wachsen sie zu selbstbewussten und starken Persönlichkeiten heran." Allerdings könne es rasch passieren, dass Eltern dabei in eine „Verwöhnfalle" tappen. Gerade in der „Autonomiephase", während der die Kinder nach dem eigenen Ich suchen, sei es wichtig, dass sie eigenständig kleine Erfolge erzielen können, erklärt Hofherr. „Die Kinder erkennen ab cirka 18 Monaten, dass sie nicht Teil der Eltern sind, sondern auf eigene Faust etwas in der Familie bewirken können." Um dies zu erkennen, müssten die Eltern die Welt ein Stück weit mit den Augen des Kindes sehen.
Ein einfaches Experiment soll sie in die Rolle des Kindes versetzen. Ein Paar malt gemeinsam mit nur einem Stift ein Bild: „Es ging nur eine Zeitlang gut, irgendwann wollte er ausbrechen und ich hatte meine Mühe, ihn zu halten", beschreibt Jessica ihre Erfahrung und ergänzt mit einem Lachen: „Normalerweise hätte ich schon längst geschimpft", sagt die 30-jährige Mutter. Sie und ihr Mann Michael fühlen sich in dem Kurs am richtigen Ort. „Unser Sohn ist gerade in dem Alter, in dem er ständig versucht, seinen Kopf durchzusetzen", erklären die beiden. Deshalb sind sie froh, durch den kess-Kurs andere Eltern kennenzulernen, die mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, und von der Kursleiterin Erziehungstipps zu bekommen.
Grenzen der Entdeckerfreude
Die kleinen Machtkämpfe zwischen Eltern und Kindern etwa sind für Bärbel Hofherr ein wichtiger Teil der Entwicklung des Kindes. Die Eltern dürften sich allerdings nicht von den Kindern „programmieren" lassen und sofort auf die Palme gehen. Ein Weg, dies zu vermeiden, ist die I.R.I.S.-Strategie von „kess erziehen": Innehalten, Respekt vor den Motiven des Kindes, Ignorieren des störenden Verhaltens und selber handeln, um die wahre Ursache des Streits zu finden.
„Kess erziehen" ist eine Art Gegenentwurf zur alten, allein auf Autorität ausgerichteten Pädagogik. Hieß es früher „Wer das Kind nicht schreien lässt, züchtet einen kleinen Tyrannen heran", so steht dieser Regel nun der Ausspruch der Reformpädagogin Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun" gegenüber. Freilich gebe es Grenzen für die Entdeckerfreunde, erklärt die Kursleiterin, etwa wenn ein Kind nach einem Topf mit kochendem Wasser greift. Wichtig sei es aber, auf welche Weise die Eltern dann einschreiten. Entscheidend sei eine positive Sprache. Es wirke ganz unterschiedlich auf das Kind, ob ein Elternteil in genervtem Tonfall sagt: „Luise ist wirklich furchtbar anstrengend! Ständig geht sie an alles dran!", oder im Plauderton: „Luise möchte im Moment alles ganz genau untersuchen. Ich komme kaum hinterher, so viele Ideen hat sie."
Mehr Informationen zu kess erziehen finden sie unter www.kess-erziehen.de
Text und Foto: Christian Ammon
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