Die Geschichtensammler von Möhringen Familie Blersch erforscht begeistert die Vergangenheit ihrer Ahnen
Benedikt Blersch und seine Mutter Anja stehen in einem Saal, an dessen Wänden ringsum Holzbänke angebracht sind. Von der tiefen Decke leuchten mehrere Strahler. Ein winziger Raum geht zur Seite ab, in dem Schränke hängen und ein Kühlschrank steht. „Das ehemalige Wirtshaus", erklärt Anja. „Hier sieht man noch die Spuren von den Knöpfen der Bauern", sagt sie und zeigt auf eine der Holzbänke an der Wand. Die Rückenlehne ist an vielen Stellen zerkratzt.
Die Blerschs mit ihren vier Kindern Benedikt, Anna, Laura und Johann im Alter zwischen 15 und drei Jahren wohnen seit 1997 in dem umgebauten Gasthaus „Zum Rössle". Bis ein Jahr zuvor war das Wirtshaus noch in Betrieb. Es steht im kleinen Dorf Möhringen am Fuß der Schwäbischen Alb. Vater Joachim Blersch sagt, in Möhringen will er nicht nur leben, sondern auch sterben. Er sitzt mit seiner Frau und dem ältesten Sohn Benedikt am Küchentisch im ersten Stock des alten Hauses. In seinem karierten Holzfällerhemd und mit der Brotzeit vor ihm auf dem Tisch sieht er aus wie ein gut gelaunter schwäbischer Landwirt. Nur seine gepflegten Hände weisen darauf hin, dass er seine Finger sehr genau bewegen muss. Blersch betreibt im nahen Riedlingen eine Zahnarztpraxis.
In alten Kirchenbüchern gestöbert
Die zwölfjährige Anna sitzt mit am Küchentisch und schaut etwas geknickt auf eine ausgedruckte E-Mail. Die Lehrerin hatte die Klasse gebeten, ihren französischen Austauschschülern vor dem Schüleraustausch zu schreiben, um sie ein wenig kennenzulernen. Das hat sie getan und sich in einer netten Mail erkundigt, ob der Junge in der Nähe von Limoges Geschwister oder Haustiere habe und ob er Sport treibe. „Er hat nur geantwortet, dass er zwei Kaninchen hat. Nicht mal Hallo oder Tschüss hat er geschrieben", sagt Anna. In solchen Augenblicken möchte Anja Blersch ihrer Tochter klar machen, was das überhaupt bedeutet: nach Frankreich fahren zu können. „Dass man als Deutscher in Frankreich willkommen ist, ist nun wirklich noch nicht lange so selbstverständlich wie heute."
Die Familie väterlicherseits lebt schon lange am Fuße des Bussen, mit 767 Metern die höchste Erhebung Oberschwabens. Kein Wunder, dass alle in diesem Haus breitestes Schwäbisch sprechen oder „schwätze", wie sie selbst sagen. Joachim Blersch hat sich schon früh Vorfahr um Vorfahr an der Familiengeschichte entlang zurückgehangelt. „Ich bin schon mit 16 von Pfarramt zu Pfarramt gegangen und habe mir die alten Kirchenbücher angeschaut. Dann habe ich mir Pläne gemacht und alles aufgeschrieben", erinnert er sich. Bis 1614 lässt sich ein Familienzweig zurückverfolgen. Der erste bekannte Ahne lebte in Uigendorf. Das Dorf liegt vier Kilometer von Möhringen entfernt.
Die Geschichten der Vorfahren sind ein Schatz der Erinnerung
Joachim und seiner Frau Anja geht es ums Bewahren. Die Geschichten ihrer Vorfahren heben sie auf wie Schmuckstücke in einer Schatulle. Sie gehören damit zu einer großen Zahl von Deutschen, die sich mit der Geschichte ihrer eigenen Familie auseinandersetzen. Sascha Ziegler zitiert in seinem Handbuch zur Ahnenforschung Studien, die besagen, dass 14 Prozent aller Deutschen schon einmal Ahnenforschung betrieben haben. Vielen geht es darum, die Namen, Lebensdaten und Wohnorte der Ahnen zu kennen. Andere machen sich auf die Suche nach Verwandten, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wieder andere möchten anhand der Biografien ihrer Ahnen persönliche Konflikte lösen. Und es gibt Menschen, die herausfinden möchten, ob irgendwo ein Erbe auf sie wartet.
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