Ein Platz für die Erinnerung
Der Wiener Zentralfriedhof ist so groß wie ein ganzes Stadtviertel. Fast drei Millionen Menschen aller Konfessionen haben dort ihre letzte Ruhe gefunden. Manche liegen in monumentalen Ehrengräbern, die auch Jahrzehnte nach der Beerdigung noch mit Rosen geschmückt werden. Von anderen bleibt nicht mehr Erinnerung als ein verwittertes Holzschild. Zwischen Starkult und einsamem Sozialbegräbnis ist der Wiener Zentralfriedhof ein Spiegelbild dessen, was unsere Gesellschaft heute prägt. Er ist Grabstätte, Naherholungsgebiet und Sehenswürdigkeit zugleich. Vor allem aber ist er eines: ein Ort der Erinnerung.
Lautlos rollt der schwarze Leichenwagen über den aufgesprungenen Teer der Friedhofsstraße. Er ist ein Elektroauto. Kein Motorengeräusch stört die stille Trauer der wenigen Angehörigen, die dem Wagen folgen, zwischen hohen Bäumen und alten Grabsteinen hindurch, vorbei an mächtigen Marmordenkmälern und efeuumrankten Steinkreuzen. Ein einsamer Jogger taucht zwischen den Grabsteinen auf. Hin und wieder ist das heisere Krächzen einer Krähe zu hören.
Früh morgens ist der Wiener Zentralfriedhof eine stille Welt aus Grau und Grün. Noch sind keine Touristen da und auch sonst kaum Besucher. Selbst der Trauerzug hinter dem lautlosen Leichenwagen ist kurz, wie meistens bei den Beerdigungen am frühen Morgen. Um zehn nach acht finden auf dem Wiener Zentralfriedhof immer die Sozialbegräbnisse statt, die Bestattungen, bei denen keine Angehörigen ausfindig gemacht werden konnten, die die Kosten übernehmen. Der Verstorbene erhält für zehn Jahre ein schlichtes Grab mit einer Holztafel darauf, ein paar Blümchen in weiß und rot als Sargschmuck und, wenn er katholisch war, bekommt er auch einen katholischen Geistlichen als Beistand auf seinem letzten Weg.
Wenn keiner da ist, um Abschied zu nehmen
Einer von ihnen ist Diakon Otmar Gindl. Er hält sieben oder acht Beerdigungen im Monat auf dem Wiener Zentralfriedhof. „Es gibt immer mehr Beerdigungen, bei denen kaum mehr jemand dabei ist", sagt der 54-Jährige. Auf dem Friedhof zeigt sich vieles, was auch die Gesellschaft der Lebenden von heute prägt - zum Beispiel die zunehmende Anonymisierung, die Vereinsamung von Menschen, die in der Großstadt zwar dicht an dicht leben, aber kaum mehr jemanden persönlich kennen.
Früher hat Gindl bei einem Sozialbegräbnis lange darüber nachgedacht, wie es sein kann, dass ein Mensch so einsam stirbt, dass es niemanden mehr gibt, der nach seinem Tod an ihn denkt. Doch mittlerweile hat er das Grübeln aufgegeben. „Ich konzentriere mich jetzt bei solchen Beerdigungen ganz darauf, für den Verstorbenen zu beten. Schließlich ist das das Wichtigste bei einer Beerdigung. Und wenn außer mir schon keiner da ist, der das Beten übernimmt, ist es vielleicht umso wichtiger, dass ich es tue."
An diesem Morgen sind acht Menschen gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie wirken verloren hinter dem schwarzen Leichenwagen, der bei Gräbergruppe 35 B anhält. 35 B ist die Babygruppe. Bunte Windräder schmücken dort viele Gräber, Blumen, Stofftiere, Engelsfiguren und Plastikspielzeug. Ein Bestatter im schwarzen Kittel hebt den hölzernen Kindersarg vom Auto und trägt ihn zum offenen Grab. Die Familie folgt, wirft weiße Rosen ins Grab. Ein Mann macht Fotos. Mit einer kleinen Digitalkamera knipst er das offene Grab, den Sarg und die Trauernden. Die Familie des toten Kindes will die Bilder haben, als Erinnerung an ein Leben, das so kurz war, dass sich sonst nicht viele Erinnerungen ansammeln konnten.
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