Am Ende des Geldes bleibt viel Monat übrig
Wie lebt es sich am unteren Ende der Einkommenspyramide in Österreich? Im Selbstversuch waren es 25 Tage, die nach Erreichen der Summe für die Mindestsicherung von 1.050 Euro für einen Erwachsenen und ein Kind übrig geblieben sind. Ein Tagebuch über den (misslungenen) Selbstversuch, einen Monat lang mit wenig Geld auszukommen.
1.11.
Start - Es ist Feiertag, das erleichtert die Sache. Jedoch gehen gleich einmal 10 Euro in die Missio-Sammlung, ich muss noch Pralinen bespenden. 1 Euro kommt in die Kollekte und 60 Cent bezahle ich für eine Kerze. Die Einkäufe für die abendliche Pokerrunde (wir spielen nicht um Geld!) sind schon bezahlt, die Vorbereitungen machen viel Spaß. Noch ist der Selbstversuch einfach.
2.11.
4 Fahrscheine um 7,2 Euro für 4 U-Bahnfahrten - das ist eigentlich recht günstig. Ein Beratungstermin beim Kieferorthopäden führt mir vor Augen: Selbst mit meinem normalen Einkommen können wir als Eltern keine Zahnklammer von 3.790 Euro/Jahr leisten. Der nette Doktor bietet sogar 1/4jährliche oder 1/2jährliche zinsenlose Ratenzahlung an. Aber bei prognostizierten zwei Jahren Tragezeit, muss ich leider passen. Am Abend erspare ich mir das Nachtmahl: Bei einer Charity-Auktion für das neunerHaus gibt es Brötchen und Getränke. Überhaupt fällt mir auf, wie viel ich auch geschenkt bekomme: Ein kostenloses Abonnement der Tageszeitung „Der Standard" für diesen Monat und ich gewinne zwei Kabarettkarten.
3.11.
Leider verpasse ich das Mittagessen im Büro, um 16 Uhr investiere ich in 2,80 Euro für einen knusprigen Toast in der Cafeteria. Fast mit schlechtem Gewissen beiße ich in die wärmende Mahlzeit. Ich tröste mich, denn am Abend wärme ich mir den Rest Suppe auf, der vom 1. November übrig geblieben ist. Martin Schenk von der Armutskonferenz schickt mir die endgültigen Zahlen für die Mindestsicherung: 1.050 Euro ist das schmale Budget. Im realen Leben würde ich keinen Monat durchkommen.
4.11.
Heute muss ich einen Parkschein ausfüllen. Was mich die Autofahrt kostet, rechne ich lieber nicht aus. Beim Starten leuchten erbarmungslos zwei Lampen auf: „Tanken" bedeutet 50 Euro, aber wesentlich ärgerlicher: „Service in 2.700 km". Ich beginne schon 2.699 km davor mich vor den weiteren Investitionen zu fürchten. Die muntere Stimme der Nachrichtensprecherin erinnert mich an die Winterreifenpflicht. Natürlich habe ich weder einen Termin fixiert, noch habe ich das Geld für den Reifenwechsel einkalkuliert. Wenn es nach mir ginge, hätten wir das Auto schon längst verkauft. Die Kfz-Versicherung ist natürlich vom Konto schon abgebucht: 60 Euro, die Garage kostet 55 Euro.
5.11.
Mir fehlt ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin. 20 Euro sind nicht viel für einen hübschen Anhänger aus Silber. Dennoch erwische ich mich, wie ich umrechne, dass wir damit die Einkäufe der letzten vier Tage bezahlen können. So macht „Shoppen" keinen Spaß, ich verschiebe den kleinen Einkaufsbummel. Dabei habe ich noch Gutscheine für eine Parfumerie - ich will mir eine neue Wimperntusche gönnen - und die kostet mich heute nichts! Mir fällt auf, dass ich ununterbrochen herumrechne und nachdenke, wo ich noch etwas einsparen kann. Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich, dass ich bei den Fixkosten anfangen muss, aber wo? Ich habe seit Jahren keine Putzfrau, gehe in kein Fitness-Center, selbst das Test-Zeitungs-Abo ist eine kostenlose Werbeaktion. Wie mir Herr Schenk von der Armutskonferenz prophezeit hat, geht es in Wirklichkeit ganz rasch um den Wohnraum. Die Wohnung ist eindeutig zu teuer! Die Betriebskosten inklusive Heizung, der Kredit und die Stromrechnung fressen mein verfügbares Geld innerhalb von Tagen auf: 847,77 Euro. Teilweise laufen bei mir die Beträge in 100-Euro-Schritten vom Konto weg. Ab jetzt bin ich im Minus - die Mindestsicherung ist aufgebraucht: 1034 Euro Bei den Kosten für das Kind will ich nicht einsparen: Da fallen derzeit an: das Schulgeld, Krankenversicherung, Unfallversicherung, in diesem Jahr ein wenig Mathematik-Nachhilfe bei einer jungen Studentin - macht in Summe diesen Monat: 343,95 Euro. Die Lebensversicherung zahlt ihr Vater - das spart mir immerhin 20 Euro, die ich dafür monatlich an TV-Gebühren berappe - eigentlich lege ich da noch 3 Euro darauf. Das sind auch eigene Relationen! Weitere sechs Euro bezahle ich für eine neue Uhrenbatterie, die wird mir sogar um 2 Euro billiger gegeben. Mein Kind schicke ich mit 4 Euro in den Supermarkt: Sie besorgt ½ kg Brot und einen Liter Milch, einen Sack Mandarinen um wohlfeile 0,89 Euro habe ich schon selber gekauft. Die Abrechnung meiner Kreditkarte ist gekommen. Ich öffne das Kuvert nicht! Ich frohlocke, das Finanzamt schreibt mir, dass ich 907 Euro von der Steuer zurückerhalte. Heute mag ich unsere Finanzgesetzgebung! Wenn ich hingegen an die Einsparungspläne der Regierung gegenüber Familien denke, denke ich darüber nach, wieder einmal eine deftige E-Mail an den Minister zu schicken.
6.11.
Mit 44 Euro bin ich beim Einkauf für die kommenden Tage dabei, gut ich habe auch (günstige) Schokolade eingepackt und will ein neues Rezept ausprobieren. Die Post zur Kreditkartenabrechnung liegt noch immer verschlossen bei mir auf dem Schreibtisch. Beim Geld abheben in der Bank verzichte ich gleich einmal auf einen Kontoauszug. Dank des Journalistenausweises kann ich kostenlos das Karikaturenmuseum in Krems besuchen. Kultur zum Nulltarif das gefällt mir! Ob mich das allerdings noch interessiert, wenn ich über Monate hinweg mit der Mindestsicherung durchkommen muss?
7.11.
Maria entbehrt noch nichts. Wir plaudern im Auto über Einkäufe und sie versteht, dass wir nicht alles kaufen können. Munter erzählt sie mir von ihrem Weihnachtswunsch. Wir Eltern sollen GEMEINSAM als EIN großes Geschenk einen neuen iPod Touch kaufen. Der kostet 250 Euro. Außerhalb jeglicher Finanzierung in diesem Monat. Doch sie hakt nach: „Du bekommst doch Weihnachtsgeld, wie viel ist das denn?" Ich antworte wahrheitsgemäß: „Das doppelte Gehalt, sogar ein wenig mehr, weil weniger Steuern abgezogen werden". Das Kind frohlockt: „Siehst du, dann kannst du locker den iPod bezahlen, ist ohnehin nur die Hälfte." Von unserem Sparmonat hat sie offenbar noch nichts mitbekommen. Ich schlage ihr vor, in einer Excel-Liste alle unsere echten Fixkosten einzutragen und die Summe mit unserem realen Monatseinkommen zu vergleichen. „Das ist ja ein Minus", lautet die Erkenntnis. „Wie kommen wir mit dem Geld aus?" Ich erkläre, dass das 13. und 14. Einkommen einiges wieder auffängt. Das war ein schönes Beispiel für angewandte Mathematik und man muss nur plus und minus rechnen.
8.11.
Im Turnunterricht gibt es ein wichtiges Projekt: „Selbstverteidigung für Mädchen". Die Einheiten kosten 20 Euro. Ich finde das Angebot ja wichtig, aber wieso kostet das eigentlich so viel? Manchmal frage ich mich, ob Lehrer damit rechnen, dass die Eltern ihrer Schüler um so viel mehr verdienen als sie selbst. Mit aufkommendem Ärger denke ich an die 80 Euro, die im Vorjahr einfach für einen Englisch-Native-Speaker-Kurs angesetzt wurden. Hat Maria eigentlich schon ihr Taschengeld bekommen? Das ist vorläufig um einen Euro reduziert, da sie im Mai ihre Handyrechnung so überzogen hat, dass ich eine Sperre aktivieren habe lassen. Diese Sperre wird vom Handybetreiber mit 1 Euro verrechnet.
9.11.
Die Kreditkartenabrechnung habe ich noch immer nicht geöffnet. Ein Kollege schenkt mir zwei 300g-Tafeln Schokolade - ich teile aber mit den anderen! Die Zahnklammern-Frage beschäftigt mittlerweile mehrere Freunde. Ich habe die Kontaktdaten von vier Ärzten, den Tipp nach Ungarn zu fahren oder über eine günstigere Nachtspange nachzudenken. Einheitlich alle sind mit mir einer Meinung, dass die Kosten absurd hoch sind und wir verstehen kollektiv nicht, warum Gesundheitsvorsorge, was eine Zahnregulierung zweifelsohne ist, in Österreich praktisch immer selbst bezahlt wird. Gesundheit muss man sich leisten können. Darum will ich als einzige Sonderausgabe auf die Krankenzusatzversicherung nicht verzichten. Angesichts meiner Situation ist sie tatsächlich ein „Luxus", angesichts der Lebenserwartung von Frauen ist das Geld von 142 Euro für mich sinnvoll investiert.
10.11.
Ich erhalte wieder einmal ein Geschenk: Einen Einkaufsgutschein über 20 Euro. Maria findet das großartig und will gleich in eine teuere Trinkschokolade um 4,75 Euro investieren. Darüber reden wir noch! Sie hat außerdem einen schönen Abend: Mit ihrer Taufpatin geht es ins Musical. Die Karten sind für mich unerschwinglich. Nach der Arbeit besorge ich schnell Brot beim Bäcker: Ein Baguette kostet 2,95 Euro. Ich finde das eigentlich ziemlich teuer.
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