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"Da bist du raus aus der Gesellschaft"

Fast eine Million Jugendliche in Deutschland lebt von Hartz IV. Einer von ihnen ist Simon Müller, 21 Jahre alt, Ausbildung abgebrochen. Er träumt gerne von einer Villa in Miami, einem Porsche vor der Tür und einem Laden, in dem er der Chef ist. Doch die Realität sieht ganz anders aus: Wohnung im Plattenbau, Ärger mit dem Arbeitsamt und Alkohol und Drogen, um die Probleme zu vergessen. So sieht Jugendarmut aus.

 

Simon Müller lebt von Hartz IV, seit er seine Ausbildung abgebrochen hat.
Der Porsche ist blank poliert. Lichterglanz spiegelt sich im blauen Lack. Bei dem Modell in rot gleich daneben stehen die Türen offen, damit man die Ledersitze besser sehen kann. Simon Müller (Name von der Redaktion geändert) ist sichtlich stolz auf seine Autosammlung. Auch wenn es nur kleine Modelle sind, die er in der Vitrine im Wohnzimmerschrank ausstellt. Ein richtiges Auto kann der 21-Jährige sich nicht leisten. Keinen Porsche, keinen kleinen Gebrauchtwagen, nicht einmal die Fahrstunden für den Führerschein. Seit er seine Ausbildung abgebrochen hat, lebt der junge Mann mit dem runden Gesicht und den kurzen, blonden Haaren von Hartz IV. 170 Euro hat er pro Monat zur Verfügung. Miete und Heizkosten werden noch extra bezahlt.

„170 Euro – das ist viel zu wenig“, sagt Simon. Es mag genug sein, um davon leben zu können. Aber es reicht nicht für den Lebensstandard, den Simon sich wünscht, weil er ihn jeden Tag im Fernsehen sieht und bei den anderen, die mehr haben als er. 170 Euro im Monat sind zu wenig für Markenklamotten, zu wenig für Auto und Führerschein, zu wenig, um wegziehen zu können aus der Welt, in der er aufgewachsen ist.


"Ghetto" nennen die Jugendlichen ihr Viertel

Simons Welt liegt im Thüringer Eichsfeld, in Heiligenstadt, einem beschaulichen kleinen Ort, der den Titel „Heilbad“ trägt, rund 17.000 Einwohner hat und schmucke Fachwerkhäuser in der Innenstadt. „Da wohnen die Bonzen“, sagt Simon. Er selbst ist im Stadtteil Liethen aufgewachsen, einem Plattenbauviertel etwas außerhalb. „Ghetto“ nennen es die Jugendlichen, die dort leben. An Freizeitbeschäftigungen wird dort nicht viel geboten. Und die Vereine, die es gibt, kosten Geld. Kickboxen zum Beispiel würde Simon schon gerne lernen, aber in den 170 Euro ist das nicht drin. Deshalb hängt er lieber mit seinen Freunden zu Hause herum. Manchmal geht er auch in den „Liethen-Treff“, eine Einrichtung der Salesianer Don Boscos. Nicht nur, weil auch seine Freunde dort hingehen, sondern auch, weil er weiß, dass er dort Menschen hat, die ihm zuhören und sich für seine Probleme interessieren. Eigentlich ist der Treff so ziemlich der einzige Ort, an dem er Hilfe erwarten kann im trostlosen „Ghetto“.

Ghetto nennen die Jugendlichen das Plattenbauviertel Liethen in Heiligenstadt.
Manche von den Hochhäusern in Liethen sehen mittlerweile weniger trostlos aus, weil sie renoviert worden sind, bei anderen blättert der Putz von der Wand, die Flure sind düster, die Fassaden heruntergekommen. In so einem wohnt Simon, seit seine Eltern ihn aus ihrer Wohnung im renovierten Teil von Liethen hinausgeworfen haben. „Mit denen hatte ich nur Stress. Die haben ständig an mir rumgemeckert, da bin ich manchmal total ausgerastet“, erzählt Simon. „Ich glaube, die hassen mich total.“ Manchmal geht er trotzdem noch zu ihnen, zum Essen, wenn der eigene Kühlschrank leer ist, weil die 170 Euro nicht für Lebensmittel bis zum Monatsende gereicht haben. Am liebsten allerdings geht er zu seiner Oma, die auch in der Nähe wohnt. „Meine Oma ist der wichtigste Mensch in meinem Leben“, sagt Simon. „Sie hat mich immer unterstützt, auch wenn ich total Scheiße gebaut hab.“ Und das hat Simon schon oft.


Wichtig war nur "Party machen" - die Lehre war ihm ziemlich egal

„Der größte Fehler in meinem Leben sind die Drogen“, sagt er selbst. Er raucht Haschisch, seit er 18 ist. Damals hat er noch bei seinen Eltern gewohnt. Er hatte den Hauptschulabschluss und eine Lehrstelle als Maler. 390 Euro hat er dort pro Monatverdient. „Das war schon was“, urteilt er heute und setzt hinzu: „Es war blöd von mir, die Ausbildung nicht zu Ende zu machen.“ Doch damals dachte er anders.

Im Herbst 2009 war ihm die Lehre ziemlich egal. Wichtig waren die Freunde und das, was er als „Party machen“ bezeichnet: Bei einem von ihnen zu Hause herumhängen, rauchen, Bier trinken, Fernsehen, Playstation spielen. „Und irgendwann haben wir eben auch zu kiffen angefangen“, erzählt Simon. Morgens hatte er keine Lust mehr aufzustehen, blieb im Bett liegen, statt zur Arbeit zu gehen. Immer öfter kam er zu spät, manchmal auch gar nicht. Seine Ausbilder redeten ihm mehrmals ins Gewissen, legten ihm nahe, die Finger vom Hasch zu lassen und seine Lehre zu Ende zu bringen. „Die waren echt geduldig mit mir, bevor sie mich dann am Ende rausgeworfen haben“, gibt Simon zu. Und heute, ein gutes Jahr später, wünscht er sich, er hätte auf sie gehört.

 

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Wenn die Tage dunkler werden - unterwegs mit einer ambulanten Krankenschwester

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