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Wenn die Tage dunkler werden

Adventszeit - das bedeutet für die meisten Vorfreude, Hoffnung und Gemütlichkeit. Doch Katinka Grebenar kennt auch eine ganz andere Seite der Vorweihnachtszeit. Als ambulante Krankenschwester ist die 45-Jährige täglich bei Menschen zu Besuch, die krank und einsam sind - und das gerade in diesen Wochen besonders deutlich spüren.

 

Die Welt von Wilma Kuropka ist klein geworden. Sie reicht von dem alten Holzschrank an der einen Wand bis zur Kommode mit dem ausklappbaren Spiegel auf der anderen. Vom Bild der Muttergottes über dem Bett bis zum Fenster mit den gelben Vorhängen gegenüber. Hinter dem Fenster liegt die Stadt, in der sich langsam Vorweihnachtsfreude breit macht. Die Geschäfte, in denen schon Weihnachtsmusik dudelt. Die weihnachtlich geschmückten Schaufenster. Die ersten Glühweinstände. Doch für Wilma Kuropka ist das gleichgültig. Seit die 97-Jährige nicht mehr stehen kann - von gehen ganz zu schweigen - ist ihre Welt auf das Schlafzimmer beschränkt. Auf ihren Sohn, der selbst schon über 70 ist und seiner alten Mutter nicht viel helfen kann. Und auf Katinka Grebenar, die ambulante Krankenschwester, die jeden Tag mehrmals vorbeikommt.

Sobald sie drei Mal geklingelt und der Sohn geöffnet hat, kommt Leben in die stille Wohnung mit den alten Möbeln. Die knallrote Caritas-Jacke landet auf dem Bügelbrett im Flur. Katinka Grebenars fröhliche Stimme fegt wie frischer Wind durch die Zimmer. „Hallo, hallo. Wie geht es Ihnen?" Mit geübten Handgriffen setzt sie Wilma Kuropka im Bett auf, wäscht sie, kämmt ihr die kinnlangen grauen Haare und hebt sie dann in den Rollstuhl, um sie zu füttern. Morgens gibt es Griesbrei. Löffel für Löffel schiebt die Krankenschwester der alten Frau in den Mund - behutsam, vorsichtig, mit viel gutem Zureden. „Ich könnte das alles nicht", sagt der Sohn nebenan im Wohnzimmer, wo sich Medikamentenpackungen auf dem Couchtisch mit der weißen Spitzendecke stapeln. Vor sieben Jahren, zum 90. Geburtstag seiner Mutter, sind die beiden noch zusammen nach Hamburg gereist. Jetzt ist es still geworden in ihrem Leben. Zum 97. Geburtstag hat kaum mehr jemand gratuliert. Die meisten von Wilma Kuropkas Freunden und Bekannten sind schon verstorben oder selbst krank und bettlägerig. Die nächsten Verwandten leben in Hamburg.

 

"Wenn man einen Menschen lange pflegt, wächst er einem ans Herz."

„Meistens schläft Mami den ganzen Tag", sagt der Sohn. „Aber manchmal wird sie unruhig - und ich weiß dann gar nicht recht, was ich machen soll." Er ist froh, dass regelmäßig die Schwester von der Caritas kommt. Katinka Grebenar hält die alte Dame sanft, aber bestimmt fest, als sie versucht im Rollstuhl aufzustehen. Sie hält ihr die Schnabeltasse an den Mund, redet beruhigend auf sie ein wie auf ein kleines Kind. Ob Wilma Kuropka das alles bewusst mitbekommt, ist nicht sicher. Die 97-Jährige leidet an Alzheimer - vielleicht hat sie alles ganz schnell wieder vergessen. Doch manchmal spielt ein Lächeln um die faltigen Lippen, und die hellblauen Augen leuchten, wenn Kantinka Grebenar sanft über die eingefallene Wange streicht. „Wenn man einen Menschen Jahre lang pflegt, lernt man ihn ziemlich gut kennen, und dann wächst er einem ans Herz", erklärt die Krankenschwester. Sie kann fast jeden Gesichtsausdruck von Wilma Kuropka deuten, weiß, dass sie am liebsten Schwarztee mit Milch trinkt und nur auf der rechten Seite gut einschlafen kann.

 

 

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