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Tatort Philippinen
Eine zweite Chance für Knastkinder

  

1998 strahlte die ARD einen besonderen Tatort aus. Die Kölner Kommissare Ballauf und Schenk ermittelten in Manila gegen einen Ring von Menschenhändlern und besuchten die Slums und Gefängnisse der philippinischen Hauptstadt. Millionen Fernsehzuschauer zeigten sich schockiert von den katastrophalen Verhältnissen, unter denen zwölfjährige Kinder im Erwachsenenknast litten. Seit 2006 verbietet ein Gesetz die Einkerkerung von Kindern. Sozialarbeit und Resozialisierung, aber auch Kampf gegen Gewalt und Drogen sollen künftig Jugendlichen auf den Philippinen eine zweite Chance geben.

  

Im „Second Chance Center“ können Jugendliche eine Ausbildung machen.
Cebu City ist eine pulsierende Metropole im Süden der Philippinen. Zwei Millionen Menschen leben hier. Armenviertel tragen blumige Namen wie Punta Princesa oder Pasil. Wer durch die Gassen schlendert, trifft überall Kinder an. „In jeder Familie gibt es vier bis fünf Kinder. Die streunen ohne Aufsicht herum, weil die Mütter von den Vätern verlassen wurden und als Alleinerziehende arbeiten müssen“, sagt Leah Samson. Die 41-Jährige mit den langen schwarzen Haaren und dem hübschen Gesicht stammt aus Cebu und arbeitet seit 16 Jahren als Sozialarbeiterin für die Salesianer Don Boscos. Sie führt uns durch die Gassen von Pasil. Immer wieder spricht sie Jugendliche an, die vor Garküchen, Wettbüros und Spielstuben lungern. Sie sammeln sich an diesen Orten, weil sie eine Abwechslung von der täglichen Langeweile versprechen. Denn Glücksspiele sind auf den Philippinen ein Volkssport. Überall sieht man Männer in Gruppen auf dem Boden kauern und Pusoy spielen, eine Art philippinisches Poker.

 

 

Arbeitsplätze gibt es hier kaum. Wegen seiner Lage am Meer ist Pasil ein Umschlagplatz für Drogen. Auf dem Fischmarkt wird nicht nur mit Meerestieren, sondern auch mit Amphetaminen und Heroin gehandelt. „Nachts legen hier kleine Boote an den Stegen an. Die Ware wird rasch auf die Drogenkuriere verteilt, die sich im Gewimmel der Gassen verlieren“, erzählt Leah. Die Drogenkuriere sind allesamt Halbwüchsige. Einen von ihnen treffen wir im Eingang des Sozialzentrums der Salesianer, das an der Stelle liegt, wo die Slums von Pasil und Punta Princesa einander berühren. Joselito, ein schmächtiger Junge von 14 Jahren, steht seit drei Jahren „unter Vertrag“ bei einem Drogenboss. Zur Schule geht er nur unregelmäßig. Sozialarbeiter von Don Bosco stufen ihn als „high risk“ ein. Das heißt: Wenn er nicht rasch die Kurve kriegt, schlägt er endgültig eine kriminelle Karriere ein. Joselito ist einsilbig, wenn man ihn nach seiner Familie befragt. Er wuchs ohne Vater auf. Die Mutter arbeitet als Wäscherin, verdient kaum etwas und muss mit ihrem Gehalt sich und ihre vier Kinder durchbringen. Joselito hat nur noch ein Auge. Das andere hat er bei einer nächtlichen Mission als Kurier verloren. Über die Umstände will er nichts sagen. Er leidet sehr unter seiner Verunstaltung. Denn das fehlende Auge hat seinen Lebenstraum, Polizist zu werden, zerstört. „Haben Sie schon einmal einen einäugigen Polizisten gesehen?“, fragt er Leah.

 

  

Jungen wie Joselito gibt es Tausende. Am helllichten Tag sitzen sie vollgedröhnt und apathisch am Straßenrand. „Langeweile und Drogen sind der beste Nährboden für Gewalt und Kriminalität. Die Gefängnisse sind mit Jugendlichen überfüllt“, sagt Leah. Schätzungen gehen von 1,2 Millionen illegalen Waffen im Land aus. Längst schon haben sich die reichen Filipinos gegen die wachsende Kriminalität im Lande gewappnet. 132 Privatarmeen schützen ganze Wohnviertel gegen organisierte Verbrecherbanden.

Im Second Chance Center in Kalunasan sitzen derzeit 60 Jugendliche zwischen fünfzehn und 18 Jahren ein. Fast alle sind Mitglieder von Jugendgangs, die sich „Bloods“, „Crips“ oder „Youngsters“ nennen und den Jungen als Ersatzfamilie dienen. Die einsitzenden Kinder werden von Mitarbeitern der Salesianer Don Boscos zu Schreinern, Schlossern und Computerspezialisten ausgebildet. Jahrelang haben die Salesianer mit anderen Gruppierungen für ein spezielles Jugendstrafrecht gekämpft. Dazu gehört vor allem auch die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. In Einzel- und Gruppengesprächen bemühen sich die Salesianer, die Jungen wieder auf Kurs zu bringen.

 

 

Im Slum Punta vertreiben sich Kinder mit alten Computern ihre Zeit.
Mit Unterstützung des deutschen Entwicklungshilfeministeriums und der Bonner Nichtregierungsorganisation (NGO) Jugend Dritte Welt e.V. sollen bald weitere 120 entlassene Straftäter resozialisiert werden. Eine wichtige Maßnahme ist dabei die Wiederaufnahme der Schul- oder Berufsausbildung. „Sie leben bei uns in eigenen Wohngruppen, und jederzeit steht ihnen ein Ansprechpartner zur Verfügung. Es gibt Sport und Freizeitangebote. Viele Jugendliche entdecken dabei ihre religiösen Wurzeln wieder und  schöpfen neue Kraft aus ihrem Glauben“, erzählt Leah. Fast 80 Prozent der Menschen auf den Philippinen sind katholisch, viele von ihnen tief religiös.

„Einige der Kinder sind die Haupternährer ihrer Familie. Die Salesianer Don Boscos belassen es nicht bei der Resozialisierung von straffälligen Jugendlichen: Um den Kreislauf von Langeweile, Drogen und Kriminalität zu durchbrechen, setzen sie auf Prävention. Mit ihren Mitarbeitern hat Leah Samson eine Sozialstudie erstellt. Die Salesianer betreiben sowohl in Pasil als auch in Punta Princesa Kinderhorte, Kleiderkammern und Suppenküchen. Gemeindehelfer der beiden Don Bosco Pfarreien führen Hilfsprogramme für unterernährte Säuglinge und Kleinkinder durch, erteilen Müttern kostenlos Kurse in Ernährungsfragen und Hygienemaßnahmen. Besondere Aufmerksamkeit widmen sie Jugendlichen, die als gefährdet eingestuft werden, 240 Schulabbrecher erhalten bereits Nachhilfeunterricht. Außerdem werden Sport und Freizeitaktivitäten angeboten, um zu verhindern, dass die Jugendlichen ihre Nachmittage vor den Spielautomaten verbringen. Alles geschieht in enger Abstimmung mit den Eltern. „Es gibt auch Kontakte zur Polizei, die zu Workshops für drogensüchtige Jugendliche eingeladen werden“, sagt Leah.

  

Die Salesianer suchen so den Gemeinsinn der Menschen zu fördern. Rund um Schulen und Kindergärten entstehen drogenfreie Zonen. Solche Programme kosten Geld. Derzeit fehlen 150.000 Euro. Leah hofft, das Geld irgendwie aufzutreiben. Sie setzt auf den gesunden Menschenverstand: Die Vorteile der präventiven Jugendarbeit lägen auf der Hand. Um einen Jugendlichen intensiv zu betreuen, brauche man im Monat umgerechnet 27 Euro. Die Kosten für die Resozialisierung von Straff älligen seien weitaus kostspieliger. Leah Samson ist zuversichtlich: „Wir werden es schaffen. Einfach deshalb, weil wir nicht tatenlos zusehen wollen, wie unsere Kinder zugrunde gehen.“

  

 

Text: Ulla Fricke / Marcel Bauer
Fotos: Don Bosco Mission

 

 

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