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Das Leben in Europa ist anders

 

16 jugendliche Asylwerber leben derzeit in der pädagogischen Wohngruppe „Abraham“ des Don Bosco Flüchtlingswerks. Sieben engagierte Frauen und Männer betreuen die Jugendlichen in Wien-Inzersdorf. Einer von ihnen ist Mir Ghousuddin (49). Das DON BOSCO magazin hat den gebürtigen Afghanen einen Tag lang begleitet.

 

 

Mir Ghousuddin (Mitte) mit jugendlichen Asylwerbern.

8.30 Uhr
Mir beginnt seinen Tag-Nacht-Dienst. Bei der Übergabe erfährt er, was in den vergangenen Tagen passiert ist.

 

9 Uhr
Teamsitzung: In den kommenden vier Stunden wird über die Situation jedes einzelnen Jugendlichen im Haus intensiv gesprochen. Es ist Zeit für Diskussionen über größere Probleme und kleine Schwierigkeiten. Für Unmut sorgt beispielsweise, dass wieder einmal der Internetzugang nicht funktioniert. Alle hier sind überzeugt, dass das Don Bosco Flüchtlingswerk sehr engagiert arbeitet. An der Wand hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Gott schützt und liebt die Fremden“ Ps 146.

 

10.45 Uhr

Mir unterbricht die Teamsitzung, da er einen Klienten aus dem Krankenhaus abholen muss. Der Junge hatte in der Woche zuvor einen Zusammenbruch – er ist durch seine Flucht traumatisiert. Mir ist in solchen Situationen eine Vertrauensperson. Die Burschen rufen ihn „Kaka“, was Onkel bedeutet. Auch bei sprachlichen Problemen ist Mir immer zur Stelle – derzeit kommen zehn der 16 Bewohner aus Afghanistan. Sie wissen, dass sie sich auf ihn verlassen können.

 

11.40 Uhr

Die Wiener Tafel liefert Brot – eine wichtige Hilfe für die WG.

 

14.10 Uhr

Mir nützt das schöne Wetter und setzt sich an einen der Tische im Garten. Während zwei Klienten ihr Taschengeld erhöhen, indem sie Büsche stutzen und Unkraut jäten, erinnert sich Mir an seine eigene Flucht im Jahr 1994. Immer schon war er politisch interessiert. Früh war dem Offizier in der Afghanischen Armee klar, dass er sich für Menschenrechte einsetzen will und dass er jeden Fundamentalismus ablehnt. Die Ansichten und politischen Aktivitäten des jungen Familienvaters entsprachen nicht dem radikal-islamistischen Taliban-Regime. Mir floh mit seiner Frau und seinen Kindern nach Pakistan. Sein Asylantrag für Österreich wurde positiv angenommen, die Familie folgte ihm ein Jahr später nach Wien. An die Zeit des Wartens erinnert sich Mir noch genau. Die Ungewissheit der jungen Asylwerber kann er gut nachfühlen. Auch heute ist Mir politisch aktiv. In zwei Vereinen engagiert er sich für die Integration von afghanischen Flüchtlingen: „Wir sind alle Menschen – das ist das Wichtigste. Wir müssen von Europa lernen und zusammenarbeiten.“ Der ausgebildete Logistiker arbeitete schon als Lagerarbeiter und Chauffeur. Auch seine Frau hat Arbeit in der neuen Heimat gefunden, und die fünf Kinder sind völlig integriert. Am liebsten würde Mir in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein Projekt für Waisenkinder aufbauen: „Das habe ich von Don Bosco gelernt, dass man auch als armer Mann weiterhelfen kann.“

 

15 Uhr

Beim Rundgang durch die einfach ausgestatteten Zimmer sieht Mir, wer heute im Haus ist. Ein Junge lädt zu einer Tasse Tee ein, im Hintergrund läuft eine DVD – ein Bollywood-Kostümfilm. An den Wänden hängen selbst gezeichnete Bilder, es ist aufgeräumt – alle Burschen sind dafür verantwortlich, sie sorgen auch selber für ihre Mahlzeiten.

 

16 Uhr

Für Margit Pollheimer (34), die Geschäftsführerin des Don Bosco Flüchtlingswerks, ist Mir eine wichtige Stütze im Team: „Mir ist ein ‚Role-Model‘ – er zeigt, dass man es als Flüchtling schaffen kann.“ Das freut ihn, ist er doch von seinem Weg vom Asylwerber zum österreichischen Staatsbürger überzeugt: „Unsere Arbeit ist nicht so leicht. Es leben bei uns auch Jungen, die nur Krieg kennen. Wir müssen den Burschen vermitteln, dass das Leben in Europa anders ist.“ Das pädagogische Team hat auch Rückschläge erlebt: Es gab Verhaftungen wegen krimineller Delikte. Mir hat auch schon die Polizei gerufen, als er den Verdacht hatte, dass im Haus Drogen im Umlauf sind.

 

17.10 Uhr

Büroarbeit: Die Medikamentenliste wird kontrolliert, E-Mails werden durchgesehen. Immer wieder läutet das Telefon. Mir ergänzt das Tagesprotokoll – eine genaue, mühselige aber wichtige Arbeit, damit alle im Team informiert sind.

 

18.30 Uhr

Drei Burschen melden sich ab. Sie sind für zwei Nächte nach Linz eingeladen. Das pädagogische Team hat ihnen den Ausflug genehmigt, auch die Jungs sollen Urlaubsstimmung genießen. Außerhalb des Hauses dürfen sie jedoch nur schlafen, wenn sie vorher die Adresse bekanntgeben.

 

19.45 Uhr

Absprache mit Beatrix Peichl (34), der Leiterin der WG. Zwei Burschen hatten eine Prügelei, was im Haus nicht geduldet wird. Mir sagt bestimmt: „Wir haben einen lila Punkt vergeben. Das ist die schlimmste Strafe. Gewalttätige Konflikte können sogar zum Auszug aus der WG führen. Aber es ist wirklich schwer, denn die Burschen kommen aus Ländern, wo es normal ist, andere zu töten oder zu verletzen.“

 

20.40 Uhr

An manchen Tagen gibt es abends eine Zimmerkonferenz. Heute fragt Mir einen Jugendlichen, ob er Lust auf eine Runde Pingpong im Freizeitraum hat. Die Bälle gehen langsam hin und her. Das Gespräch dreht sich um die Exfreundin des jungen Burschen, die ihn zu oft herumkommandiert hat: „Sie war nie nett. Das hab ich nicht ausgehalten.“

 

23 Uhr

Alle sind im Haus, es beginnt die Nachtruhe. Mir schließt die Haustür zu und kann sich jetzt selber in das Erzieherzimmer im 1. Stock zurückziehen. Mir ist zufrieden: „Der Arbeitsplatz hier ist gut, denn ich kann mein Ziel verwirklichen, anderen Menschen zu helfen.“

 

Text: Sophie Wöginger
Fotos: Don Bosco Flüchtlingswerk

 

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